Die verspätete Verbindung

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364 Wörter · ⁦~2⁩ Min. Lesezeit · Fortgeschritten

An einem regnerischen Dienstagmorgen nahm Anna ihren reservierten Platz im sechsten Wagen des Intercity ein, der von Berlin nach Hamburg fuhr. Sie hatte die frühe Abfahrt bewusst gewählt, weil sie hoffte, die ruhigen Stunden würden ihr helfen, den Bericht fertigzustellen, über den ihr Team in München schon seit Wochen nur Andeutungen gemacht hatte. Als der Zug den Hauptbahnhof verließ, fiel ihr ein älterer Herr gegenüber auf, der immer wieder unruhig auf seine Taschenuhr schaute. Der Schaffner gab bald durch, dass ein Weichenproblem bei Wittenberge bis zu vierzig Minuten Verspätung verursachen könnte. Mehrere Fahrgäste stöhnten hörbar auf. Anna dagegen betrachtete die Verzögerung als unverhofftes Zeitgeschenk. Sie klappte ihren Laptop auf und tippte mit einer Konzentration, die ihr im Büro selten gelang, wo die Kollegen aus ihrem Schweigen immer gleich Schlüsse zogen, statt direkt zu fragen.

Als der Zug in Ludwigslust einfuhr, hatte der Regen nachgelassen und blasses Sonnenlicht fiel durch die Fenster. Der ältere Herr, der sich als Herr Friedrich Berg vorstellte, kam nach einer Weile ins Gespräch, weil er ihre gelegentlichen Stirnrunzeln am Bildschirm bemerkt hatte. Er erzählte, dass er seine Enkelin zum ersten Mal seit sieben Jahren besuchen wollte und die Reise schon zweimal wegen gesundheitlicher Probleme verschoben hatte. Anna hörte aufmerksam zu und spürte, dass seine zurückhaltenden Worte viel Bedauern enthielten, das er nicht offen aussprechen mochte.

Bei der Weiterfahrt nach Hamburg teilte der Schaffner mit, die Verspätung habe sich dank besserer Bedingungen im Norden auf fünfundzwanzig Minuten verringert. Herr Berg machte dann eine ungewöhnliche Beobachtung: Zugfahrten zeigten oft mehr über die verborgenen Prioritäten der Menschen als jedes formelle Gespräch. Anna lächelte über diese Einsicht und erkannte, wie ihre eigene Scheu, die Risiken des Projekts zuzugeben, seiner vorsichtigen Zuversicht ähnelte.

Als der Zug schließlich um zehn nach elf in den Hamburger Hauptbahnhof einlief, hatte sie den Bericht vollendet und sogar zwei Absätze überarbeitet, die nun genau den behutsamen Ton trafen, den sie beabsichtigt hatte. Herr Berg verabschiedete sich mit einem stillen Nicken, das mehr Anerkennung ausdrückte, als seine Worte vermittelt hatten. Beim Aussteigen auf dem Bahnsteig wurde Anna klar, dass die Fahrt ihr nicht nur zusätzliche Arbeitszeit, sondern auch eine unerwartete Lektion über das Verstehen unausgesprochener Dinge zwischen Fremden geschenkt hatte.

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1Wo ist Anna ursprünglich in den Zug eingestiegen?
2Wie viele Jahre waren seit dem letzten Treffen von Herrn Berg mit seiner Enkelin vergangen?
3Um wie viel Uhr kam der Zug im Hamburger Hauptbahnhof an?
4Warum hatte Herr Berg die Reise zuvor zweimal verschoben?
5Wie hieß der ältere Herr, den Anna im Zug kennenlernte?

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