Die Spätschicht-Routine
B2Anna arbeitete seit fast vier Jahren als leitende Analystin bei der Berliner Sparkasse, als sie sich freiwillig für die Spätschicht an drei Abenden pro Woche meldete. Sie hatte schon immer ruhige Büros bevorzugt, und das übliche Chaos am Tag hatte sie zunehmend erschöpft. Wenn die Kollegen um halb sechs gingen, wurde es im Großraumbüro fast still, nur das leise Summen der Klimaanlagen war noch zu hören, die seit dem Morgen liefen. Anna prüfte zuerst die Systemprotokolle, die während der hektischen Stunden erstellt worden waren, und notierte Unregelmäßigkeiten, die dem Tagesteam vielleicht entgangen waren. Danach bereitete sie die Nachtberichte vor, die um Mitternacht automatisch an die Regionalleiter gesendet wurden.
An diesem Dienstag war sie später als sonst gekommen, weil der Bus, den sie normalerweise nahm, wegen starken Regens Verspätung gehabt hatte. Als sie an ihrem Schreibtisch saß, bemerkte sie, dass sie ihre Thermoskanne mit Kaffee vergessen hatte. Sie ging in die kleine Küche, wo gerade eine frische Kanne fertig gebrüht worden war. Während sie wartete, bis ihre Tasse voll war, dachte sie an die Beförderung, die man ihr versprochen hatte, falls ihre Quartalszahlen weiter stiegen. Der Büroleiter, Herr Hartmann, hatte ihr erst letzte Woche gesagt, dass ihre Genauigkeitsquote die höchste in der Abteilung sei.
Gegen acht Uhr erhielt Anna einen Anruf vom Sicherheitsmitarbeiter, der meldete, dass eine Reinigungskraft den Haupteingang nicht abgeschlossen hatte. Sie aktivierte sofort das elektronische Schloss von ihrem Computer aus und vermerkte den Vorfall im Protokoll. Bis halb zehn hatte sie die abschließende Abstimmung der Devisengeschäfte abgeschlossen, die sich seit Schließung der europäischen Märkte angesammelt hatten. Zufrieden mit den sauberen Zahlen gönnte sie sich eine kurze Pause und aß das belegte Brot, das sie am Morgen eingepackt hatte.
Kurz nach zehn begann sie das Sicherungsverfahren, das bis Viertel nach elf laufen sollte. In dieser Zeit war das Gebäude fast leer; nur der Nachtportier blieb im Erdgeschoss. Anna hatte diese einsamen Stunden schätzen gelernt, weil sie ihr Raum gaben, über die neuen Analysemodelle nachzudenken, die sie einführen wollte, falls die Bank ihren Vorschlag genehmigte. Als die Sicherung erfolgreich abgeschlossen war, schaltete sie ihre Bildschirme aus, nahm ihre Sachen und ging zum Aufzug. Als sie um halb zwölf in die kühle Nachtluft trat, dachte sie, dass die Spätschicht zwar anstrengend war, aber der produktivste Teil ihrer Woche geworden war.